DJ Michael 'El Rumbero' - Presse

DJ Michael 'El Rumbero' aus Berlin

Claves, Congas, Kuhglocke: über die Kunst eines Salsa-DJs

Eigentlich wollte er gar nicht mehr auflegen. Doch dann traf er auf "Salsa", diese fröhliche "Sauce" aus karibischen Rhythmen und Musikstilen. Ihm ist es mit zu verdanken, dass die Salsa-Szene in Berlin seit den 90er Jahren boomt. Ein Interview mit DJ Michael, einem der bekanntesten Salsa-DJs der Stadt.

(c) Mai 2002 by Anke Nolte ( anke-nolte@snafu.de )


Was fasziniert dich so an der Salsa-Musik?

Salsa ist polyrhythmisch, das heißt, es laufen mehrere Rhythmen nebeneinander ab. Das ist nicht nur so ein "bum, bum, bum" wie in der Popmusik. Die Claves (Klanghölzer), die Congas und die Campana ("Kuhglocke") haben jeweils einen eigenen Rhythmus, den du in jedem Lied hörst. Die Bongos und Timbales sind eher für die freien Solis vorgesehen. Außerdem spielt in der Salsa auch ein richtiger Bass, nicht nur eine Bass-Gitarre. Als Anfänger hört man erst einmal überhaupt nichts raus. Wie das alles zusammenhängt, das erschließt sich einem erst nach und nach. Man kann wirklich süchtig nach dieser Musik werden, weil die eigentlich verschiedenen Rhythmen so gut zusammen harmonieren.

Es stört dich nicht, dass die Texte manchmal sehr oberflächlich sind?

Das sind sie bei normaler Popmusik auch. Eigentlich waren die Texte der Salsa-Musik ja auch tiefsinniger, die schmalzigen Texte sind erst Mitte der 80er Jahre entstanden: die so genannte "Salsa romantica". Im Ursprung erzählen die Lieder aus dem Leben im Latino-Einwandererviertel von New York, El Barrio genannt, wo die Salsa auch entstanden ist ( aus den Wurzeln des kubanischen Son, Mambo und Cha Cha Cha, der kolumbianischen Cumbia, der pürtoricanischen Bomba & Plena und und und ... ). Dort im El Barrio ging es ja wirklich heftig zu. Zum Beispiel das Lied von Ruben Blades, "Pedro Navaja", ein nachempfundener Mackie-Messer-Song: Früh morgens auf der Straße trifft ein Gangster auf eine Prostituierte und sieht, dass ihre Handtasche voller Geld ist. Er schneidet ihr die Kehle durch, um an das Geld zu kommen, aber sie hat eine Pistole und erschießt ihn dabei. Das Geschehen wird von einem Bettler beobachtet, der sich das Geld der Toten nimmt und sich darüber freut, welche netten überraschungen das Leben bietet. Nicht so sehr romantisch, oder?

Wie bist du zum Salsaholic geworden?

Ich habe als Student ? Anfang der 90er Jahre ? immer in der Karakas-Bar in der Kurfürstenstraße gesessen. Dort hörte ich die Musik zwei Jahre lang, ohne zu wissen, was es ist. Mir hat die Musik gefallen, aber ich habe nie bewusst hingehört. Ich dachte immer, das sei spanische Musik. Dann machte mich jemand auf das "El Barrio" aufmerksam, damals in Berlin der angesagteste Salsa-Club, wo auch zu Live-Musik getanzt wurde. Ich bin hingegangen und war begeistert. Ich habe sofort mehrere Tanzkurse hintereinander besucht. Aber was zählt, ist ja eigentlich nicht die Anzahl der Tanzstunden, sondern dass du häufig in die Clubs gehst zum Tanzen, was viele Kursteilnehmer leider gar nicht machen. Das Rhythmusgefühl kommt erst, wenn du regelmäßig ausgehst. Ich bin wirklich in der Woche drei-, viermal Salsa tanzen gegangen.

Und wie wurde aus dem Salsa-Tänzer ein Salsa-DJ?

Meine Tanzpartnerin war damals die Chefin des Kino-Cafés im Tacheles. Ich durfte meine Geburtstagsparty in diesen Räumlichkeiten feiern und nahm dafür Salsa-Musik, die ich auf Kassetten schon vorher "abgemischt" hatte, so dass ich an dem Abend eigentlich nichts mehr zu tun hatte, als die Kassetten auszuwechseln. Obwohl es eine private Feier war, hatte es sich komischerweise in Berlin herumgesprochen, dass im Tacheles eine Salsa-Party stattfindet und es kamen auch Leute, die ich gar nicht kannte. Das wurde eine richtig gute Party und die Tacheles?Leute wollten das gerne öfter veranstalten, auch ohne Geburtstag. Und so war ich wieder da, wo ich eigentlich nicht mehr hinwollte, nämlich beim Auflegen.

Du hattest also schon Erfahrung als DJ?

Ja, in den 80er Jahren habe ich Soul und Diskomusik in Ost-Berlin und Umgebung aufgelegt. Ich war damals Hilfsarbeiter, weil ich nicht studieren durfte. Nachts bin ich mit meiner mobilen Anlage herumgefahren, denn die Clubs in der DDR hatten keine eigenen Anlagen. Ich habe immer RIAS gehört und mitgeschnitten, alles Westgeld habe ich in Platten oder in die Musikanlage investiert. Anfang 1989 bin ich dann rübergekommen und wollte etwas "Vernünftiges" anfangen und nicht mehr nachts arbeiten. Ich habe sofort einen Studienplatz für Informatik bekommen. Außerdem ging es in dieser Zeit mit der Techno-Musik los, und die hat mir überhaupt nicht gefallen. Deshalb habe ich mich aus dem DJ-Leben zurückgezogen. Man kann ja nicht ewig auflegen, dachte ich ...

Wie bist du dann wieder hereingekommen ins Auflegen?

Das fing langsam wieder an: Ich habe zunächst nur einmal im Monat im Tacheles aufgelegt, das war 1994 und 1995. Dann vertrat ich drei Monate lang den Salsa-DJ in der Ufa-Fabrik, woraufhin mich auch die Pächterin des Grünen Salons ansprach. Der Grüne Salon, wo ich mit 4 Gästen bei der ersten Veranstaltung anfing, wurde mein "Durchbruch". Langsam wurde ich bekannter und die Latinos begannen, mich zu akzeptierten. Die sind ja erst einmal skeptisch, ob ein Deutscher etwas von ihrer Musik versteht. 1996 kam der "Club Latino" in Potsdam hinzu, 1997 habe ich dann im damals neün "Havanna" angefangen und 2000 im frisch gegründeten "Soda Club". Seit 1999 lege ich auch des öfteren im Hamburger "Atisha" auf.

Kannst du heute von deiner DJ-Tätigkeit leben?

Nein, ich verdiene mein Geld hauptsächlich mit Software- und Datenbankentwicklung. In Deutschland werden die Salsa-DJs ziemlich unterbezahlt. Ein DJ muss sich alle CDs auf eigene Kosten kaufen, und das sind nicht wenige. Hinzu kommt, dass die Salsa-CDs schwer zu beschaffen sind. Es gibt nur wenige gute Händler in Deutschland, teilweise muss man die CDs selbst aus den USA einfliegen lassen ( In New York entstand die Salsa-Musik ? noch heute werden dort die meisten Salsa-CDs produziert. ) Denn wenn man auflegt, sollte man sich alles anhören, was neu herauskommt. Nur so findet man immer wieder echte Perlen, also gute Musik auch von unbekannten Interpreten. Und auch alte Klassiker sind heute nur noch schwer zu bekommen. Ich bringe ja allein für einen Abend 300 bis 400 CDs mit.

Also ein guter DJ ist ein DJ, der viele gute CDs auflegt?

Das reicht natürlich noch nicht. Ein DJ muss spüren, welche Art von Salsa die Leute an dem Abend hören wollen. Er muss auf das Publikum eingehen. Das ist das Wichtigste, darum geht?s: Leute zum Tanzen zu bringen, Ihnen Spass und Freude zu bereiten. Der DJ ist für?s Publikum da! Er muss auch Stücke spielen, die er nicht mag und die vielleicht manchmal musikalisch nicht so ausgereift sind. Es gibt Abende, da kannst du schräge Stücke spielen, an anderen musst du die Standards bringen, damit die Leute auf der Tanzfläche bleiben. Außerdem sollten die Stücke rhythmisch züinander passen, und innerhalb eines Sets ( die meist durch Merengü-Sets unterbrochen werden ) auch von der Geschwindigkeit harmonieren. Ein DJ sollte wissen, wie der eine Song aufhört und der andere anfängt, so dass die Paare durchtanzen können, ohne einen Bruch zu spüren.

Du meinst, du kannst die Stücke nicht verfremden und die übergänge nicht mixen wie Henry Knowles, der wohl weltbeste Salsa-DJ aus New York, der damit die Tänzer geradezu in einen Rausch versetzt?

Genau, das ging lange Zeit in den deutschen Clubs gar nicht, weil sie dafür gar nicht ausgestattet waren. Mittlerweile habe ich eine eigene Ausrüstung dafür, wie auch Henry Knowles der immer seine eigene Technik mitbringt. Er mixt wirklich jedes Lied. Das ist bei Salsa-Musik besonders schwierig wegen des komplexen Rhythmus. Außerdem kannst du nicht mixen, wenn die Leute singen, du brauchst dafür Instrumentalstellen, und die gibt?s bei der Salsa-Musik nicht oft ....

....auch nicht weniger als in Popmusik, oder?

Richtig ? die House, Techno oder Black-Music-DJ's benutzen deshalb meist MAXI-Singles ? da sind dann verlängerte Instrumentalparts drauf, in die man beqüm reinmixen kann. Salsa-Maxis gibt es leider nicht oft ( Ich kenne nur 2 oder 3 CDs mit MAXI-Versionen ). Henry Knowles markiert die Instrumentalteile und verlängert sie künstlich (sog. Loops) ? dafür gibt es bestimmte CD-Player. Mit einem zweiten Gerät setzt er zusätzlich noch Effekte, wie ein Echo z.B. oder ein Wechsel der Kanäle. Dahinein mixt er dann noch das nächste Stück, und das alles taktgenau. Das ist die hohe Kunst des Salsa-DJs.

Können und machen das nicht auch die Djs aus anderen Musikrichtungen?

Die können und machen es auch ? allerdings haben die Kollegen es sehr viel einfacher. Sie brauchen nur die Geschwindigkeit der Stücke anzupassen und dann die Bass-Drums ( also die 'Bum Bums') genau übereinanderlegen durch sog. ?Bremsen? oder ?Anschieben? des Players oder des Plattenspielers ? dann kann überblendet werden ? Bei der Salsa ist es sehr viel schwieriger. Eine Bass-Drum gibt es nicht, ausserdem muss man die Clave beachten, d.h. beim überblenden muss die Clave auch im neün Stück exakt so weiterlaufen wie im alten Stück. Für die Tänzer muss die "1" auch im neün Stück nach der Überblendung die "1" bleiben.

Werden die Salsa-DJs in Deutschland diese hohe Kunst demnächst auch präsentieren?

Also zunächst mal: Das A und O eines Abends ist für mich immer noch die Musikauswahl! Daran entscheidet sich, ob der Abend ein Erfolg wird oder nicht. Das Mixen ist dann noch eine nette Zugabe. Ich kenne viele Salsa-DJ-Kollegen, die sich auch - wie ich - mit dem Salsa-Mixen beschäftigen. Die pure Theorie ist die eine Seite, es braucht aber ausserdem übung, Gefühl und vor allem auch viel Live-Erfahrung, bis es richtig klappt. [Anmerkung 2005] Mittlerweile beherrsche ich das Mixen ganz gut. Auch Verfremdungen ( z.B. Flanger, Loops, Echos, Delays, Freqünzfilter ) der Musik sind eigentlich kein Thema. Es gibt aber eine überwiegende Mehrzahl unter den Salseros, die diese Effekte ablehnt. So bin ich sehr vorsichtig und setze dieses Mittel sehr sehr sparsam ein. Es kann schnell ermüden, mit Effekten 'zugeballert' zu werden.

Wie sieht deine Perspektive/dein Traum aus?

Ich würde gerne noch mehr ausserhalb Berlins auflegen. Bisher war ich schon in Stockholm, Oslo, Wien und Kopenhagen. Aber auch in Hamburg, Erfurt, Brandenburg, Göttingen, Dresden, Cottbus oder Potsdam habe ich schon Salsa aufgelegt. Ein Highlight war sicherlich auch mein Auftritt in New York - dem Geburtsort der Salsa - bei Jimmy Anton's. Es ist immer ein besonderer Reiz vor völlig neüm Publikum zu spielen, sich auf das Publikum vor Ort einzustellen. Und ein ganz besonderer Kick ist es, wenn man auch Leute, die einen nicht kennen , auf der Tanzfläche zum Schwitzen bringen kann.


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